Klassik

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Der Begriff der Klassik und des Klassischen beinhaltet in der Musik qualitativ-ästhetische Aspekte ebenso, wie er eine bestimmte historische Epoche markiert. Er leitet sich aus dem Lateinischen her: In der römischen Antike war der "classicus" der Steuerzahler der höchsten Kategorie. Das Attribut "klassisch" wird dem beigefügt, was in seinem eigenen Stil Normen setzt, von vollendeter Ausgewogenheit zwischen Form und Inhalt ist, und dem daher (trotz sich änderndem Zeitgeschmack) epochenüberdauernde Allgemeingültigkeit zugesprochen wird. Seit dem 15. Jahrhundert ist in Musiktraktaten die Rede von "klassischen" - also hervorragenden - Komponisten, zu denen u.a. J. Desprez, G.P. da Palestrina gezählt wurden. Die Werke der "klassischen Vokalpolyphonie" (16. Jahrhundert), wurden von der katholischen Kirche als idealer Kirchenmusikstil betrachtet. Sie erfuhren vor allem im 19. Jahrhundert starke Wiederbelebung und Auseinandersetzung (Cäcilianismus). Die eigentliche Epoche der musikalischen Klassik schließt sich um 1750 ans Spätbarock an und wird allgemein mit dem Tod Ludwig van Beethovens (1827) als beendet angesehen. Geprägt wurde der Terminus als musikalischer Epochenbegriff in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts parallel zu demjenigen der literarischen Klassik. Die wichtigsten Komponisten der musikalischen Klassik neben dem Wiener Dreigestirn Haydn, Mozart, Beethoven sind C.W. Gluck, L. Cherubini, M. Haydn, C.D. von Dittersdorf, J.M. Kraus und die Komponisten der Mannheimer Schule.

Wichtige Merkmale des klassischen Stils sind im Sinne aufklärerischen Gedankenguts der Anspruch der Allgemeinverständlichkeit, was sich vor allem in volksliedhaften Melodien und in einer einfacheren und langsameren harmonischen Fortschreitung innerhalb des musikalischen Satzes, sowie im Musiktheater durch weniger artifizielle, lebensnahere Themen in neuen Gattungen wie der Opera buffa und dem nationalsprachlichen Singspiel widerspiegelt.

Als Gegenentwurf zu kleingliedrigen, sich fortspinnenden Themengebilden der Barockmusik verfügen Werke der Klassik über abgeschlossene Themen in Perioden von vier oder acht Takten, die im herausgebildeten System der Sonatenform in einer Art musikalischem Diskurs weiteren Themen gegenübergestellt und miteinander verzahnt werden. Dieses musikalische Organisationsmodell, das für Sonate, Streichquartett, Ouvertüre, Symphonie, Konzert, bisweilen auch Messensätze und Opernarien seit den 1750er Jahren zunehmend an Geltung gewinnt, wirkt sich in der Folge auch auf Satztypen wie Rondo (Schlusssätze von Mozart-Klavierkonzerten), Variation (langsame Sätze von späten Haydn-Symphonien) oder Fuge (Mozart: Jupitersymphonie) aus. Wichtige Formen der Barockmusik wie Suite, Sonata da camera, Triosonate sowie die Orgelkunst und Lautenmusik verlieren stark an Bedeutung. Neue Gattungen der musikalischen Klassik sind Symphonie, Sinfonia concertante, Klavierkonzert, Divertimento, Melodram, Streicher-Kammermusik (Streichtrio, -quartett, -quintett), Bläser-Kammermusik sowie auf dem Gebiet des Musiktheaters das bürgerliche, volkssprachliche Singspiel in Abgrenzung zur italienischsprachigen Opera seria als höfische Kunstform des vergehenden "Ancien régime".

Als Übergangsphasen zur Frühklassik gelten der empfindsame Stil, in dem das Gravitätische und pathetische des Barock zunehmend spielerischer, leichtfüßiger und galanter Musik weicht. In der so genannten ersten Berliner Liederschule (G. Benda, J.J. Quantz) sowie von C.P.E. Bach wurden vor allem Gedichte von Gellert, Ramler und Klopstock vertont. Als Ideal galten kantable, liedhafte Melodiebildungen. Die Rückbesinnung aufs Lied, auf die Volkskunst sowie auf Themen wie Schäferspiele, Liebe, Dorfidyll und gesellige Tändeleien im Musiktheater fasste J.J. Rousseau unter dem Motto "Zurück zur Natur" zusammen und schuf mit dem Singspiel "Le devin du village" (1752) ein beliebtes praktisches Beispiel für seine theoretisch formulierten Forderungen.

Wichtige Impulse zu einer nachhaltigen Stilwende gingen seit den 1750er Jahren vom Mannheimer Hoforchester aus, das europaweit als eines der besten galt, und bei dem ein neuer Instrumentalstil gepflegt wurde. Wichtige Vertreter waren J. Stamitz, F.X. Richter, Johann Fils (Filtz), C. Stamitz und C. Cannabich, die in ihren Symphonien, Sinfonie concertante und Solokonzerten, nicht nur neuartige Elemente wie harte dynamische Kontraste, raketenhaft aufsteigende Motive, Crescendowalzen und flächige Harmonien einführten, sondern auch die Orchesterbesetzung zunehmend normierten: Streicher ohne Generalbass sowie je zwei Oboen und Hörner als Kernensemble, dem u.a. Klarinetten und Flöten hinzutreten konnten. Dieser neuartige Stil wirkte sich auf die Musikpflege in den großen Zentren wie Paris und London nachhaltig aus. Gerade in diesen beiden Metropolen bildete sich zunehmend eine bürgerliche Musikkultur mit privaten Konzertunternehmungen, aufkommendem Laienmusizieren und dementsprechend einem immer bedeutungsvolleren Musikverlagswesen aus. In einer nur kurzen Phase in den 1760er Jahren, die angelehnt an den literarischen Epochenbegriff "Sturm und Drang" genannt wird, entstanden Werke von außerordentlich emotionalem Charakter mit schroffer Thematik, harten dynamischen Kontrasten und häufiger Moll-Tonart (z.B. frühe Symphonien von J. Haydn und W.A. Mozart).

Zu den wichtigen Entwicklungen in der Epoche der Klassik auf dem Gebiet der Oper gehört die zunehmende Integration nationaler Eigenarten und gegenseitige Beeinflussung verschiedener Formen des Musiktheaters, die in eine weitgehend als europäisch empfundene, sich vor allem in der persönlichen Stilistik der Komponisten unterscheidenden Tonsprache mündet. Begleitet wurde dieser Prozess beispielsweise in Paris vom so genannten Buffonistenstreit (1752) und vom Streit der Gluckisten (Partei der Opernreformer) und Piccinisten (Partei der Traditionalisten) in den 1770er Jahren. Sowohl C.W. Gluck als wichtiger Vertreter dieser Entwicklung als auch W.A. Mozart verwischen bewusst die Grenzen zwischen italienischer und französischer Stilistik ("Idomeneo") und schreiben Bühnenwerke, in denen heroische und volkstümliche, ernste und heitere Elemente sowie formale Aspekte der Opera seria u.a. mit denen des Singspiels ("Entführung aus dem Serail", "Le nozze di figaro", "Don Giovanni") glückliche Verbindungen eingehen. Neue Opernformen wie die Revolutions- und Rettungsoper reflektierten Ereignisse und Ideengut der Französischen Revolution. Wichtige Vertreter sind L. Cherubini sowie L. van Beethoven ("Fidelio").

Die soziale Stellung der Musiker war in der Epoche der Klassik starkem Wandel unterworfen. Herrschte zunächst noch eine große wirtschaftliche Abhängigkeit der Musiker von adeligen Institutionen wie Hofkapellen und vom Wohlwollen kunstliebender Fürsten, setzte sich zunehmend der Typus des freischaffenden Künstlers durch, der ohne Anstellung sich entweder als reisender Virtuose verdingte (N. Paganini) oder der als Komponist lebte und nach Aufträgen sowie aus eigenem Antrieb arbeitete (W.A. Mozart in Wien, L. van Beethoven, F. Schubert). Ein wichtige Rolle spielten dabei zunächst noch fürstliche Gönner und reiche Musikkenner, aber zunehmend auch das erstarkende Konzertwesen bürgerlicher Institutionen wie öffentliche Subskriptionskonzerte, z.B. in London (J. Haydns Londoner Konzertreisen) oder in München, wo ab 1811 die Musikalische Akademie, bestehend aus Hofmusikern, in Eigenverantwortung und auf eigene Rechnung Abonnementkonzerte veranstaltete.

Erstmals gewinnt in der musikalischen Klassik die dem Begriff immanente Forderung nach Bewahrung und Pflege dessen, was als stilprägend für eine frühere Epoche angesehen wird, an Bedeutung. So etabliert sich in England und Norddeutschland die Pflege Händel’scher Werke, und Komponisten wie W.A. Mozart beschäftigen sich mit der Musik Bachs und Händels. Wichtiges Merkmal des bürgerlichen Konzertwesens und deren Veranstaltungen war nunmehr das Nebeneinander der Werke "klassischer" Komponisten und Neuschöpfungen. Kompositionen von Mozart und später v.a. auch von Beethoven fanden schnell Eintritt in den Kanon des sich aufbauenden Repertoires der Orchester.

Während die theoretisch-ästhetische Auseinandersetzung mit der Musik der Klassik um 1800 vor allem in Norddeutschland stattfand, entwickelten sich in Süddeutschland die Musikzentren Mannheim, Wien usw. zu den Stätten mit größter Innovationskraft und Produktivität. Musiktheoretiker der Zeit beschreiben den Wandel von der Ästhetik der Nachahmung zur absoluten Musik, wobei der Instrumentalmusik, die sich vollkommen selber genügt und keine außermusikalischen Ideen, sondern nur ihrer eigenen, musikalischen Dramaturgie folgt, größte Bedeutung beigemessen wird (Ludwig Tieck, Novalis, E.T.A. Hoffmann). In seiner Rezension von Beethovens Fünfter Symphonie teilt E.T.A. Hoffmann Mozart und Haydn die Rolle der "Schöpfer der neuern Instrumentalmusik" zu und sieht in Beethoven deren Vollender und nennt die reine Instrumentalmusik die "romantischste aller Künste".

Wichtige Entwicklungslinien vom empfindsamen Stil der Frühklassik zur Epoche der Romantik reichen von C.P.E. Bach über J.F. Reichardt zu den Komponisten der Frühromantik sowie im süddeutschen Raum von den Komponisten der Mannheimer Hofkapelle (1779 mit Carl Theodor nach München) bis zu C.M. von Weber. Eine Sonderstellung unter den Musikmetropolen nimmt Wien ein, die an kultureller Bedeutung weit hinter Paris und London zurückstand, in der sich aber als Zentrum der österreichischen Kronlande ein reges und multinationales Musikleben etablierte. Prägende Komponisten wie G.C. Wagenseil, M.G. Monn, J.G. Albrechtsberger, F.A. Hoffmeister, A. Gyrowetz, L. Kozeluch, J.B. Vanhal, A. Salieri, G. und A. Vranitzky begründeten v. a. eine eigene Tradition der Symphonie. Obwohl in Wien sich die Musikstile aus Westeuropa, den Kulturzentren des Habsburgerreichs und der Volksmusik Südosteuropas mischten und sich eine schichtenübergreifende blühende Musikpflege etablierte, gingen von der Wiener Klassik kaum Impulse an die anderen Musikzentren aus.

Innerhalb der Wiener Musikpflege nehmen Haydn und Mozart eine herausragende Position ein. In einer Zeit von ca. 20 Jahren, die mit der Übersiedelung Mozarts nach Wien 1781 beginnt und mit Haydns letzten großen Messen (1803) endet, entstanden eine Vielzahl von Werken ("Die Entführung aus dem Serail", Haydns Streichquartett-Opus 33, Mozarts "Haydn-Streichquartette", Haydns "Pariser" und "Londoner" Symphonien, dessen Streichquartette op. 50 bis 103, Mozarts große Symphonien und Klavierkonzerte sowie "Le nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Die Zauberflöte", Haydns Oratorien "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten"), die zwar eine ästhetische Sonderstellung einnehmen, die für die europäische Musikpflege dennoch keine stilprägende Rolle spielten. Diese Position kam vielmehr Ludwig van Beethoven zu, dessen Übersiedelung nach Wien auch seinen Grund in der Anwesenheit Mozarts und Haydns hatte, der jedoch trotz seiner Schülerschaft bei Haydn sogleich versuchte, sich von den Vorbildern zu emanzipieren. Seine Symphonien, Streichquartette, Klavier- und Streichtrios und Klaviersonaten waren es, mit denen sich der klassische Werkbegriff fest etablierte, der die Einzigartigkeit eines jeden Werks, sein Repertoirewert und damit die von jeder Musikergeneration geforderte Neuinterpretation beinhaltete.


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